Exkurs 1

Klassifikation von Unidentifizierten Fliegenden Objekten

 

Weltweit gibt es tausende gut dokumentierter Sichtungen von UFOs „im engeren Sinne“ - also solchen Begegnungen, bei denen konventionelle Erklärungen oder natürliche Phänomene weitestgehend ausgeschlossen werden können (vgl. auch Drei klassische Fälle sowie von Ludwiger: UFOs - Zeugen und Zeichen, S. 22). Zu den unidentifizierten Phänomenen im Luftraum gehören Lichtobjekte und materielle Objekte unterschiedlichster Form und Farbe. Manche dieser UFOs zeigen ein Flugverhalten, das konventionellen Flugzeugen ähnelt, andere sind zu erstaunlichen Manövern in der Lage, die weit über das Leistungsvermögen selbst modernster Militärjets hinausgehen. Es gibt zahlreiche Fälle von nahen Begegnungen und Landungen und es wird sogar von Zusammentreffen menschlicher Zeugen mit den Insassen dieser Objekte berichtet.

 

Die Vielgestaltigkeit des UFO-Phänomens ist verwirrend und beunruhigend. Jeder einzelne Fall mag faszinierend sein, doch für sich allein genommen hat er keine oder nur geringe Aussagekraft - ihm haftet der Makel des Subjektiven, Anekdotenhaften an und oft werden die Aussagen der Zeugen berechtigt oder unberechtigt in Zweifel gezogen.

 

Der Schlüssel zum Verständnis des UFO-Phänomens liegt nicht in einem einzelnen spektakulären Ereignis, sondern in den Mustern, die sich aus der Analyse einer großen Anzahl von Fällen ergeben. Solche Analysen haben beispielsweise offenbart, dass das Phänomen bevorzugt in bestimmten Monaten und zu bestimmten Uhrzeiten in Erscheinung tritt, was natürliche Ursachen unwahrscheinlich macht (vgl. z.B. Illobrand von Ludwiger: UFOs - Zeugen und Zeichen, S. 232 ff). „Die wahren Beweise für UFOs sind statistischer Natur. Wir haben heute buchstäblich hunderttausende dieser Sichtungen aus allen Ländern der Erde - und sie reichen Jahrhunderte zurück. Wir können all diese Ereignisse zusammenführen in statistischen Analysen und ‚Fakten’.“  (John Keel in Andrew Colvin (Hrsg.): Searching for the String - Selected Writings of John A. Keel, S. 200)

 

Will man Muster aufspüren, so müssen zunächst alle vorliegenden Daten kategorisiert und geordnet werden, um sie dann in einem zweiten Schritt statistisch auswerten zu können. Im Laufe der wissenschaftlichen Untersuchung des UFO-Phänomens wurden daher verschiedene Klassifikationssysteme vorgeschlagen. Das erste System, bei dem das Verhalten der Objekte und nicht die individuellen Eindrücke der Zeugen im Vordergrund stand, wurde zu Beginn der 1960er Jahre von Jacques Vallée, Aimé Michel und Pierre Guérin entwickelt und zur Klassifikation französischer UFO-Sichtungen während der Welle von 1954 benutzt.

 

Auf der Grundlage der gemeinsamen Zusammenarbeit mit Jacques Vallée ab Mitte der 1960er Jahre schuf J. Allen Hynek 1972 ein erweitertes Klassifikationssystem (vgl. Jacques Vallée: A System of Classification and Reliability Indicators for the Analysis of the Behavior of Unidentified Aerial Phenomena; PDF-Download). Dabei unterschied er zwischen Nahbegegnungen oder „Close Encounters“ (CE) und Sichtungen aus einer Entfernung von 150 Metern und mehr. Für diese Sichtungen „at some distance“ benutzte Hynek die drei etwas willkürlichen Kategorien NL - Nocturnal Lights, DD - Daylight Disks und RV - Radar/Visual Cases.

 

Besonders die Kategorie NL bereitete in der Praxis Probleme, da es neben den nächtlichen Lichtern auch unstrukturierte Lichterscheinungen am Tag gibt. Der Physikprofessor Harley D. Rutledge (Project Identification: The first scientific Field Study of UFO Phenomena, S. 33 f) bevorzugte deshalb eine etwas offenere Einordnung der Phänomene in

 

UFOs der Klasse A - Lichter oder Objekte, die bizarre Verhaltensweisen zeigen und/oder physikalische Eigenschaften besitzen, welche eine konventionelle Erklärung unwahrscheinlich machen, und

 

UFOs der Klasse B - Lichter oder Objekte, die sich mit der verfügbaren Ausrüstung nicht identifizieren lassen, aber die keine bizarren Verhaltensweisen zeigen und/oder physikalische Eigenschaften besitzen, die eine konventionelle Erklärung unwahrscheinlich machen.

 

Die MUFON CES, die europäische Sektion des amerikanischen Mutual UFO Network, und die 2014 daraus hervorgegangene IGAAP (Interdisziplinäre Gesellschaft zur Analyse anomaler Phänomene e.V.) fassen Rutledges Definition schärfer und unterteilen zunächst in UFOs i.w.S. („im weiteren Sinne“) und UFOs i.e.S. („im engeren Sinne“), um dann die UFOs i.e.S. weiter in die Klassen A und B und eine zusätzliche Klasse C zu differenzieren: Paranormale Lichterscheinungen, die in psychische Wechselwirkung mit den Beobachtern treten können (vgl. Diagramm unten sowie Illobrand von Ludwiger: Der Stand der UFO-Forschung, S. 88 ff).

 

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Um die Close Encounters besser kategorisieren zu können, führte J. Allen Hynek die Kategorien CE 1 bis CE 3 ein:

 

CE 1 - ein Objekt wird aus nur geringer Entfernung beobachtet,

 

CE 2 - ein Objekt tritt in physikalische Wechselwirkung mit seiner Umgebung (z.B. Verbrennungen, Abdrücke im Boden, Störungen elektrischer Geräte, extrem starke Magnetfelder),

 

CE 3 - eine Nahbegegnung, bei der die Insassen des Objektes beobachtet werden.

 

Aufgrund der sich häufenden Berichte über Entführungen und Kontakte mit den UFO-Insassen wurde später die Kategorie CE 4 eingeführt, mit der J. Allen Hynek jedoch nicht besonders glücklich war, und schließlich die Kategorie CE 5:

 

CE 4 - eine Nahbegegnung, bei der es zu intensiven Kontakten zwischen den Insassen der Objekte und den Zeugen kommt und diese gegen ihren Willen von den Insassen mitgenommen werden (dabei geht es weniger um die subjektive Annahme, dass die Zeugen entführt wurden, sondern hauptsächlich um das Erleben einer „reality transformation“, also des scheinbaren Wahrnehmens einer anderen Realität bzw. der Versetzung in eine andere Realität),

 

CE 5 - Nahbegegnungen, bei denen Zeugen bleibende gesundheitliche Schäden davontragen oder sich andere physiologische oder pathologische Effekte einstellen.

 

Wie bereits oben angedeutet, war der große Nachteil älterer Klassifikationssysteme, dass sie die subjektive Wahrnehmung der Zeugen in den Vordergrund stellten. In Ergänzung zu Hyneks Klassifikation hat Jacques Vallée daher ein System entwickelt, das dem Verhalten der Objekte großes Gewicht gibt. Vallées erste Kategorie, die „Anomalies“ (AN), trägt der Beobachtung Rechnung, dass UFO-Ereignisse oft von weiteren ungewöhnlichen Ereignissen begleitet sind. Sie kann parallel zu Hyneks Kategorie CE benutzt werden:

 

AN 1 - unstrukturierte Lichterscheinungen oder unerklärliche Explosionen am Himmel, die keinen bleibenden physikalischen Effekt haben,

 

AN 2 - Ereignisse, die bleibende physikalische Effekte hinterlassen, wie etwa Poltergeist-Phänomene, Fotographien, die Anomalien zeigen, Abdrücke an Landeplätzen, Kornkreise, Teleportationen usw.,

 

AN 3 - Fälle, in deren Rahmen fremdartige Wesen auftreten, wie etwa Geister,  Elfen, Yetis, usw.,

 

AN 4 - Fälle, in denen die Zeugen Interaktionen mit Entitäten in deren eigener Realität beschreiben; hierzu gehören Nahtoderfahrungen, religiöse Visionen und Wunder sowie außerkörperliche Erfahrungen,

 

AN 5 - Fälle, bei denen ungewöhnliche Verletzungen auftreten oder Zeugen sterben sowie Fälle mit spontanen Heilungen.

 

Bei den UFO-Sichtungen selber folgt Vallée der Einteilung Hyneks in Nahbegegnungen (CE - Close Encounters) und entfernte Sichtungen (DS - Distant Sightings). Die entfernten Sichtungen unterteilt er weiter in „Maneuver“ (MA) und „Flyby“ (FB). Die Unterkategorien innerhalb dieser beiden Klassen sind dann wiederum an Hyneks CE - Signaturen angelehnt.

 

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MA 1 - fasst solche Beobachtungen zusammen, bei denen die Flugbahn eines Objektes diskontinuierlich ist und durch ein plötzliches Manöver unterbrochen wird,

 

MA 2 - zusätzlich zu einer Diskontinuität in der Flugbahn treten physikalische Effekte auf, z.B. ein Stromausfall oder das Absterben eines Motors,

 

MA 3 - Fälle mit einer diskontinuierlichen Flugbahn der Objekte und zusätzlich Insassen, die in den Objekten beobachtet werden,

 

MA 4 - Fälle mit einer diskontinuierlichen Flugbahn der Objekte und der Wahrnehmung einer Realitätsveränderung bei den Zeugen,

 

MA 5 - bei diesen Fällen geht mit den Manövern der Objekte der Tod oder eine bleibende gesundheitliche Beeinträchtigung der Zeugen einher.

 

 

FB 1 - der einfache Vorbeiflug eines Objektes ohne irgendwelche Manöver; die meisten Sichtungen lassen sich in diese Kategorie einordnen,

 

FB 2 - beinhaltet Fälle von Vorbeiflügen mit physikalischen Beweisen, wie etwa aufgezeichneten Geräuschen oder einer Radarverfolgung,

 

FB 3 - bei dieser Kategorie fällt der Vorbeiflug eines Objektes mit einer Beobachtung von Insassen an Bord des Objektes zusammen,

 

FB 4 - ein Vorbeiflug, bei dem der Zeuge angibt, dass er eine Realitätstransformation erlebt hat,

 

FB 5 - Fälle, bei denen die Zeugen ernste Verletzungen davontragen, wie etwa bei dem berühmten „Cash-Landrum“-Vorfall nahe Houston, Texas.

 

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Durch diese Hauptkategorien mit ihren Varianten ergibt sich ein relativ einfach zu handhabendes System, das einerseits den Einsatz von statistischen Methoden zulässt und andererseits die Überprüfung verschiedener Hypothesen erleichtert. Vallée führte als Ergänzung zu seinem Klassifikationssystem das sog. „SVP Credibility Rating“ ein, einen Zuverlässigkeitsindex, der es ermöglicht, die Glaubwürdigkeit der Zeugen und den Umfang der Felduntersuchungen zu bewerten (vgl. Jacques Vallée: A System of Classification and Reliability Indicators for the Analysis of the Behavior of Unidentified Aerial Phenomena; PDF-Download).

 

Weitere Klassifikationssysteme stammen von Allan Hendry, Willy Smith (Projekt UNICAT; vgl. von Ludwiger: UFOs - Zeugen und Zeichen, S. 217 ff) und Rudolf Henke. Da es bei Hynek und Vallée nicht möglich ist, auch das Ergebnis einer Fallanalyse mit in die Klassifikation einfließen zu lassen, führte Allan Hendry u.a. den Begriff IFO - „identified flying object“ - ein für aufgeklärte Fälle und die Klassen „near IFO“ bzw. „problematic / good / best UFO“, um eine Bewertung des Falls zu ermöglichen. Dieses Klassifikationssystem wird daher auch von einigen deutschen UFO-Phänomen-Forschern benutzt.